Es hat mir keine Ruhe gelassen. Alle (politische) Welt schwärmt so von den Supererlösen, die man angeblich mit Altpapier machen kann. Man muss den Eindruck gewinnen, es handele sich um eine ähnliche Substanz wie Gold. Der Euphorie nach zu urteilen, müsste Altpapier in Kürze zum offiziellen Zahlungsmittel erklärt werden.
Ich habe deshalb recherchiert (was übrigens die einschlägigen Redakteure des Lokalblättchens Iserlohner Kreisanzeiger auch hätten tun können) und festgestellt: Von wegen wertvoll, von wegen Supererlöse, alles Schnee von gestern!
So sieht die aktuelle Marktsituation für Altpapier wirklich aus (Quelle: EUWID GmbH):
Die Situation im Fernostexport hat sich im Verlauf des Monats noch weiter deutlich verschlechtert. Wie es heißt, sollen vor allem die Ausfuhren nach China mittlerweile „nahezu komplett zum Erliegen“ gekommen sein, sogar bereits getätigte Aufträge würden teilweise nachträglich wieder storniert, berichten EUWID-Gesprächspartner. Die Preise befänden sich im freien Fall, weshalb derzeit kein aktueller Exportpreis ermittelt werden könne, heißt es.
Die Lage wird teilweise bereits als dramatisch eingestuft. Exporteure versuchten, das für den Fernostexport bestimmte Altpapier nun auf dem Inlandsmarkt unterzubringen, was zu einem erheblichen Preisdruck führe. Somit sei für November allein aufgrund des Zusammenbruchs des Exportmarktes ein weiterer Preisverfall im Inland vorprogammiert. Es sei nicht mehr auszuschließen, dass die Ab-Stations-Preise für Misch- und Kaufhausaltpapier auf null absackten und von den Anfallstellen wieder Zuzahlungen verlangt werden müssten.
Für November rechnen Branchenkenner mit weiteren Preisreduktionen. Dies erwarten auch die Verarbeiter, die deshalb ihre Abnahmemengen schon im laufenden Monat zum Teil radikal reduziert haben, weil sie davon ausgehen, im November noch günstiger einkaufen können. Allerdings sind die Kürzungen oft auch auf die schlechte Beschäftigung im Papiersektor zurückzuführen, weshalb noch tiefere Altpapierpreise nicht zwingend zu einer Absatzbelebung im Inland führen werden.
Ist das Gerede von den Supererlösen und dem hohen Wert des Rohstoffs also völliger Blödsinn?
Jein. Fakt ist nämlich, dass die Preise für Mischpapier, das gängige Material aus den Haushalten, im Oktober 2007 bei 85 bis 90 Euro lagen und sich diese Preissituation im gesamten vierten Quartal 2007 bis tief hinein in das erste Quartal 2008 halten konnte.
Diese relativ kurze Periode hoher Preise reichte offensichtlich aus, um die privatwirtschaftlichen Strategen wuschig zu machen und alles stehen und liegen zu lassen, um bloß ja in den Genuss dieser vermeintlichen Gelddruckmöglichkeit zu gelangen. Auch den Kommunalpolitikern traten offenbar die Dollarzeichen in die Augen, wie man in Iserlohn schön verfolgen kann.
Nun ist der Spuk wieder vorbei. Die Preise haben sich halbiert und ein Ende des Sinkflugs ist, wie man der obigen Quelle entnehmen kann, nicht in Sicht.
Diese Angelegenheit weist deutliche Parallelen zur Finanzkrise auf. Da hat auch jeder gedacht, er könnte mit Swaps, Leerverkäufen und anderem hochspekulativen Geschäft schnell mal eben reich werden. Was daraus geworden ist, kann man jeden Tag in der Zeitung lesen.
Soll so wirklich ein wesentlicher Bereich der Daseinsvorsorge, nämlich die öffentliche Abfallentsorgung betrieben werden? Keiner, dessen Verstand nicht schon von Demenz befallen ist, kann das wollen!